Ein Farbenmeer im Breitwandformat, von Petrol über Rot zu Orange – so kommt „Graf Haiti“ im wandernden Blick daher, als Triptychon, Allover, Action painting. Ein Urwald aus malerischen Gesten, die Frage aufwerfend, was hinter diesem Dickicht liegen mag. Einstweilen schimmert die Lichtung nur am Rand hervor. Es ist eines der neuen Bilder von Ingo Klein aus den Jahren 2009-10, mit denen er seine ganz eigene Exploration der Leinwand fortsetzt.
Abstrakter und dichter noch als in früheren Arbeiten des Malers werden die Grenzen des Darstellbaren in der Bildfläche ausgelotet. Mal in großzügiger, ruhiger Klarheit, mal in nervösen Schichtungen, klecksend, rinnend, gibt sich Erkennbares zu sehen, fordert zur Deutung oder entzieht sich wieder. Es sind Traditionen der modernen Abstraktion, des Informel und abstrakten Expressionismus, die so anklingen. Dem zuwider laufen gegenständliche Akzente, die zu Bild(kurz)geschichten anheben. „time of desaster and we are going faster“ – so geht es derzeit an vielen Orten zu.
Als „Dikta Tor“ – als Beispiel hier zu sehen – stehen sich Figur und schroffe Lineatur gegenüber. Ein Wesen, eisigblau auf dunkelblauem Grund, ertappt in einem Bewegungsmoment. Ein rotes Etwas – Stoff, Gedanke, Durchblick? – In „we trust because we can“ wölben sich Farbinseln oder changiert die Charakteristik vom Graffito zu Füllung und Schraffur. Welches Tier, welche Pflanze, welches Zitat? Der Erschauer darf es wissen.
Und immer wieder sind es Bildtitel, die zur Seh-Anleitung werden können. Ihre sprachliche Form: bisweilen so verschachtelt wie die Flächen und Linien auf der Leinwand, in- und durcheinander, ambig und polyglott. Die Einheit von Bild und Benennung ist das Aphoristische, zuweilen Ironische oder über die Bildgrenze Hinausweisende. Bis zum nächsten Einfall.
bildende kunst